FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG 26.07.2007
Lauter Zwischenstationen des Lebens (von Andreas Kilb)
Wenn man die Zeit zusammenzählte, die wir während unseres Lebens in U-Bahnen, S-Bahnen und Pendlerzügen verbringen, käme man
auf Wochen, Monate, bei manchen vielleicht auf Jahre. Und doch bleibt uns wenig von diesen rollenden Räumen, die wir benutzen, um vom Büro
nach Hause, vom Stadtrand ins Zentrum, vom Flughafen zum Hotel oder von der Party ins Bett zu kommen, im Gedächtnishaften. Erst wenn wir
längst anderswo sind, wenn uns eben nicht die Métro oder Subway oder Underground mehr zu unserem Ziel bringt, steigen ihre Spuren aus der
Erinnerung auf: die Farbe der Wagen, der Geruch der Kunstledersitze, die Form und Größe der Fenster; der besondere Tonfall, in dem
die Ansagerin "Causeway Bay" oder "Rothenbaumchaussee", "Tottenham Court Road" oder "Barbès-Rochechouart" ankündigt; die Zugluft in den
Stationen, kühl in Moskau, stickig in Berlin, heiß in Madrid; und darüber der vielsprachige Chor der Passagiere, die Sinfonie der Fahrgeräusche,
die in jeder Stadt anders, manchmal sogar je nach Jahreszeit verschieden klingt. Die Fotografin Loredana Nemes, in Rumänien geboren und in
Berlin lebend, hat Menschen in der Untergrundbahn fotografiert - in London, Paris, New York, Berlin, Moskau und in Bukarest. Dabei hat sie
ihre Kamera nicht, wie vor sechzig Jahren Walker Evans in seinen New Yorker Subway-Porträts, vor ihren Mitreisenden versteckt, im Gegenteil:
Sie hielt sie ganz offen im Schoß. Aber ihr Fotoapparat war eine zweiäugige Rolleiflex, ein wunderbares Ungetüm, wie man es fast nur noch
in Kostümfilmen sieht. Und so mochte sich mancher Fahrgast fragen, ob das Ding überhaupt noch funktionierte, während andere sich auf das
Spiel mit der Kamera einließen - aus Müdigkeit, mag sein, aus Neugier, aus Eitelkeit oder Apathie. Jedenfalls hat der Trick sich bewährt.
Denn auf Nemes' Fotos sieht man keine Selbstdarsteller, keine Poseure der Metropolen. Man sieht Menschen, die wie wir alle aussehen,
wenn wir U-Bahn fahren, in diesen Transit-Minuten, diesen Viertelstunden des Übergangs, wenn wir nicht mehr dort und noch nicht da sind:
Wartende, Schlafende, Lesende, sich Streitende, Pärchen und Einzelne, Eltern und Kinder, reiche Damen mit Hut und arme Schlucker
mit Kappe. Und manchmal sehen wir zwei nebeneinander, eine blonde Frau, einen jungen Mann, die sich scheinbar nichts mehr zu sagen
haben; aber auf dem nächsten oder übernächsten Bild beugen sie sich zueinander, lachen sich an, küssen sich, dann auf einmal ist
der Mann allein, schlägt die Zeitung auf, blickt wie abwesend hinein. Oder die beiden in der Moskauer Metro: Er guckt zu ihr hin, sie schaut weg;
er guckt noch tiefer, sie schaut noch höher; er dreht den Kopf in die andere Richtung, sie klammert sich an ihrer Tasche fest. Der Polizist
in Bukarest hat einen langen Arbeitstag hinter sich. Der Londoner Tourist freut sich auf National Gallery und Big Ben. Die beiden Frauen in Paris
scheinen, jede für sich, von ihrem Leben zu träumen, ihren Liebhabern, ihren Kindern, ihrem Chef, wer weiß. Sie alle nehmen ihre Geschichten
beim Aussteigen wieder mit, nur die Kamera hält ihren flüchtigen Abdruck fest. Und fast jedes Bild,das wir sehen, löst ein Wiedererkennen aus:
Wie oft haben wir selbst schon so dagesessen, zornig, müde oder gleichgültig, mit Freunden oder Fremden! Sind wir nicht auch schon in der
U-Bahn eingenickt wie die beiden Japaner in London, das junge Paar in New York? Doch dann kommt unsere Station, und wieder heißt es:
"Zurückbleiben!" - "Mind the gap!" Der Zug rollt an, wir sind am Ziel. Nur die Frau mit der Rolleiflex ist sitzengeblieben.
In ihren Bildern sehen wir, was wir unterwegs verpasst haben: die Wahrheit eines selbstvergessenen Augenblicks.