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DER SPIEGEL online – 23.09.2010

Hinter türkischen Jalousien (von Thorsten Dörting)

In einigen Großstadtvierteln gibt es sie an jeder Ecke, doch die wenigsten Deutschen haben je ein türkisches Männercafé betreten.
Die Fotografin Loredana Nemes spürt dem Mysterium nach - und hat Bilder geschaffen, die mit den Ängsten vor dem Fremden spielen.

Was hat ein englischer Banker aus London mit einem türkischen Müllfahrer aus Berlin gemein? Meist eher wenig, richtig. Bis vielleicht auf folgenden Zeitvertreib:
Beide suchen gerne mal äußerst exklusive Etablissements auf, um sich dort zu entspannen. Doch während sich der Herr aus der besseren britischen Gesellschaft
im Ledersessel eines Gentlemen's Club räkelt, eine Zigarre in der rechten Hand, einen Single Malt in der linken, hockt der Malocher aus Anatolien in einem
neonerleuchteten Café, klammert sich an seinen Ein-Euro-Tee und wirft ab und an mal einen Blick auf die Breitbild-Glotze an der Wand, wo Galatasaray gegen
Fenerbahce kickt. Dennoch sind die aus steuerlichen Gründen oft als deutsch-türkische Kulturvereine getarnten Männercafés so etwas wie die Sparversion
der berühmten britischen Herren-Clubs: billig - aber exklusiv. Denn beide Lokalitäten eint schließlich zwei - wenn auch nicht unbedingt verschriftlichte - Regeln:
Frauen bleiben draußen. Und die meisten männlichen Durchschnittsbürger auch.
In vielen Vierteln deutscher Großstädte finden sich türkische Männercafés an jeder Straßenecke, allein eine Stadt wie Duisburg mit ihren knapp 500.000 Einwohnern
zählt geschätzte 300. Aber eben, weil die Lokale allgegenwärtig sind, führen sie die Existenz migrantischer Parallelgesellschaften so deutlich vor Augen
wie nur wenige Orte sonst in Sarrazin-Deutschland; sie sind überall und doch fremd. Denn mal ehrlich: Wer hat schon wirklich so ein Café länger von innen gesehen?
Wer weiß, was da so vor sich geht? Dem Mitglied der deutschen Mehrheitsgesellschaft bleiben jedenfalls nur Vermutungen - und der neugierige Blick von außen.


Eben diesen Blick hat sich Loredana Nemes, 37, für ihre Fotoserie "Beyond", die jetzt in einem Bildband erscheint, zu eigen gemacht. Die Fotografin, die selbst aus
Rumänien stammt, die in Iran aufgewachsen ist, sich also mit Männergesellschaften auskennt, und die jetzt in Berlin lebt, ist nachts durch die deutsche Hauptstadt
gezogen, durch Stadtteile wie den Wedding, Neukölln und Kreuzberg. Dort hat sie Männercafés und deren Gäste aus der Perspektive des Durchschnittsdeutschen
fotografiert: als Passant, der an der Tür eines solchen Lokals vorbeigeht, auf der de facto ein Schild mit der Aufschrift pappt: "Geschlossene Gesellschaft".

Ihre Schwarzweiß-Serie zeigt die Fassaden der Cafés, Variationen des Immergleichen; neonhell erleuchtete Räume, die wie überdimensionierte Aquarien wirken,
geschützt vor Neugier durch Gardinen, Milchglasscheiben oder Jalousien. Dazu kommen Porträts der Besucher. Nemes hat die Männer hinter gemusterten
Fensterscheiben oder Gardinen platziert und erst dann fotografiert; so bleiben sie schemenhafte, unmenschlich verzerrte, gesichtslose Gestalten.
Nemes verfremdet, ironisiert, spitzt zu - und wirft uns so letztlich auf uns selbst zurück. Denn wer die Serie betrachtet, lernt rein gar nichts über das Leben in den Cafés,
sondern nur über unsere Sicht auf die Fremden unter uns, über unsere Ängste und Zuschreibungen. Ist das eigentlich okay, wenn wir nicht sehen können,
was in den Cafés vor sich geht? Wollen wir wirklich wissen, was darin abgeht? Oder fühlen wir uns nicht sogar besser, wenn wir nur argwöhnen können?

Sehen wir die Besucher nicht ebenso verzerrt, wie sie Nemes uns präsentiert? Als exotische, latent bedrohliche Wesen?
Mit gefälliger Sozialreportage hat das nichts zu tun. Wer bunte Bildchen voller Mokka- und Kartenspiel-Romantik erwartet, wird enttäuscht;
"Beyond" ist ein künstlerisches Projekt, kein dokumentarisches.

Trotzdem: Wenigstens ein kurzer, aufklärerischer Begleittext hätte dem Band gutgetan, die Cafés sind ja schon ein wenig erforscht worden.
Der Religionswissenschaftler Rauf Ceylan etwa sieht die Gefahr, dass zumindest manche Lokale die gesellschaftliche Abschottung zu verstärken drohen.
Arbeitercafés verwandelten sich in Arbeitslosencafés, illegales Glücksspiel blühe, Kleinkriminelle vertickten hier ihr Diebesgut. Und wenn sich dort neuerdings
Frauen aufhalten, so Ceylan, stammen sie gerne mal aus Osteuropa - und werden nicht nur als Kellnerin ausgenutzt, sondern auch als Prostituierte.
Auch was die sexuelle Doppelmoral angeht, scheinen manche Café-Besucher also nicht mehr so weit entfernt vom legendären Gentleman der britischen Upper Class.